von Felicia Mutterer

Warum Sex am Set für Gesellschaft und Frauen relevant ist.

Frauen schauen Porno. Frauen mögen Porno. Männer machen Porno. Die meisten Pornos sind von Männer gedreht, finanziert, inszeniert. Die enthemmte Sexkultur ist also eine zutiefst männliche. Zeit, dass STRAIGHT den Mainstreamporno in der Klischeeschublade verrammelt und die Bühne frei macht für den alternativen, den feministischen Porno. Denn: auch Frauen machen Porno.

“I fuck arses - it’s just part of my job”, schreibt Gala Vanting, Sexarbeiterin und Pornoproduzentin aus Melbourne, auf ihrer Website. “Es ist sicherlich keine Karriere, die ich gewählt hätte, wenn es mir wichtig wäre, was andere Menschen darüber denken.”

“Ich verstehe nicht, warum wir das Thema machen”, kommentiert eine Straight-Mitarbeiterin, “das interessiert doch nur eine Minderheit, dieses Gerammel und Gefummel vor der Kamera!” Ich sage: „Genau deshalb muss es gemacht werden. Aufräumen mit den Klischees. Porno ist politisch!“

Sex ist Sünde. Das steht schon in der Bibel. „Alle Sünden, die der Mensch tut, sind außer seinem Leibe; wer aber hurt, der sündigt an seinem eigenen Leibe.” Das belastet unser Verhältnis zur Sexualität. Unser Sex ist unfrei. Begehren und Lust verstecken wir. Die Scham nimmt sich den Raum. Das ist das Spannungsfeld, das uns zerreißt. Vor allem, wenn Sex öffentlich gemacht wird. Durch Porno. Lust hier, Gewissen da. Als Ergebnis zelebrieren wir Doppelmoral. Die Psychologin Nicola Döring, die sich wissenschaftlich mit Pornografie auseinandersetzt, spricht von drei ethisch motivierten Positionen zu Porno: Anti-Porno, Anti-Zensur und Pro-Porno. Wir sind unentspannt mit Porno.

Trotzdem: Jeder achte Klick im Netz führt auf eine Pornoseite. So pornogeil ist Deutschland. Laut einer Statistik des BR schaut jede Vierte Frau Pornos. Wie viele darunter frauenliebend sind, ist nicht bekannt. Dass von Frauen am häufigsten nach “Lesben” gegoogelt wird, dagegen schon. Doch der Sex zwischen Frauen endet eben nicht bei Frauen, sondern ist gerade für heterosexuelle Männer ein Lustgewinn. Nicht zuletzt zählt “Lesbian Sex” generell zu den meistgesuchten Begriffen auf Pornoseiten.

Das, was da im Mainstream-Porno als lesbischer Sex verkauft wird, hat mit den wahren Phantasien von frauenliebenden Frauen allerdings soviel gemein, wie Katy Perry mit Frauenliebe. Nur Klischees, geprägt von feuchten Männerträumen. Frauen machen, Männer haben die Macht. Sie entscheiden, was wir zu sehen bekommen. Fotos und Filme werden von Männern für Männer gemacht.

Warum sollte es in der Sexindustrie, einem Milliardengeschäft, anders sein als in anderen Wirtschaftszweigen. Der einflussreiche Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch bringt es in seinem umfassenden Buch Sexualitäten so auf den Punkt:

Die männerzentrierte und andromorphe Sicht durchherrscht alles – von der Mathematik [...] über die Freud’sche Psychoanalyse [...] bis hin zur Kultur insgesamt, wie bereits Simone de Beauvoir erkannt hatte: Frauen hätten keinen eigenen Mythos, keine eigene Religion, keine eigene Poesie geschaffen, 'selbst wenn sie träumen, tun sie es durch die Träume der Männer'”.

Sigusch sagt, dass Massenpornografie “im Kern eine Orgie männlicher Gemeinplätze” sei, in der es von Klischees nur so wimmelt. “Die Männer sind große Schwänze, die immer stehen, die Frauen tiefe Schlünde, die gestopft werden wollen, der Sex ist erfolgreich abgewickelt, sobald die Schwänze ihre Ladung in ein weibliches Gesicht gespritzt haben.” Frauen rackern sich sexuell vor der Kamera ab, egal ob hetero oder lesbischer Natur, Hauptsache die Befriedigung des Mannes ist sicher. Dafür sprechen das Aussehen der Frauen, die Stellungen, die Rollenverteilung und nicht zuletzt auch die Kameraführungen im Massenporno. Wir kennen das. Aber wollen wir das? Nein!

Diese Art Porno wird Frauen nicht gerecht. Er unterschlägt unsere eigene Lust, unsere Phantasie und unser Verlangen nach selbstbestimmtem Sex. Um sich vom Frauenbild des Massenpornos zu emanzipieren, braucht es tatsächlich keine Mitgliedschaft in der sexpositiven Frauenbewegung*, aber den alternativen, feministischen Porno. Der hat längst seine Nische erobert: die Non-Mainstream-Pornografie. Sie ist erotisch, echt - und elementar wichtig. Die Psychologin Nicola Döring unterscheidet bei alternative Pornos zwischen Realcore von Amateuren, den FemPorn für heterosexuelle Frauen und den QueerPorn mit Sexualität in seiner vielschichtigen Form wie Diversität des Geschlechts, der sexuellen Orientierung, Hautfarbe, Körpern. Es gibt mittlerweile auch zahlreiche Pornofilmfestivals wie in Berlin, bei denen verstärkt solche alternativen Produktionen gezeigt werden und die Relevanz belegen. Sie sind zudem Beispiele dafür, dass auch Männer gemeinsam mit Frauen ihre Lust abseits der Massenpornografie in die Hand nehmen.

Bei Queer-Produktionen mischen mittlerweile viele Frauen mit. Die Produzentinnen stellen die weibliche Lust, das weibliche Geschlecht in den Fokus. Viva Vulva heißt die Bewegung. Es geht darum, lesbische Sexfantasien und queere Lust so zu inszenieren, dass sie Frauen anregen. Das ist die Herausforderung und der Anspruch des alternativen Pornos, auch bei Petra Joy. Für die 51-Jährige Filmemacherin und Pionierin der sexpositiven Frauenbewegung, darf der Sex nicht geskriptet sein und die PerformerInnen sollen bei ihr am Set das erleben, was sie erleben möchten und “nicht irgendwelche Sexpositionen abturnen”.

Goodyn Green, eine dänische Filmemacherin, die in Berlin lebt, zeigt in ihren Filmen, wie facettenreich lesbisches Begehren ist. Sie scheut weder den Ausflug in den Bondagebereich, noch Sextoys oder sich begehrende, schwangere Performerinnen. Green ist wichtig, dass die Chemie zwischen den PerformerInnen stimmt. Nur so können Sexszenen authentisch gedreht werden, sagt sie. Daher achtet Green darauf, dass sich die PerformerInnen vor dem Dreh kennenlernen.

In fast allen Produktionen arbeitet Goodyn Green mit der Performerin Zoe Challenger zusammen. Die 34-jährige Schwedin spielte unter anderen in den Porno-Filmen “Shutter” und “Want some Oranges” mit. Sie sagt, “bisher ist es mir noch nicht passiert, dass meine FilmpartnerInnen und ich nicht total heiß aufeinander waren.” Das sieht man den Filmen von Green auch an.

Doch die Mittel für alternative Pornos sind rar. Weder Petra Joy noch Goodyn Green können vom Filmemachen leben. Unzählige Menschen konsumieren zwar Pornos, dafür bezahlen wollen sie aber möglichst wenig. So wird aus dem alternativen Porno nicht selten ein zeitintensives Hobby für alle Beteiligten. Obendrein gibt es ein Imageproblem, die Doppelmoral grüßt. Vor allem die PerformerInnen stehen hier im Mittelpunkt vieler Fragen. Warum performen sie in Pornos? Darstellerin Zoe Challenger sagt, Pornografie sei für ihre persönliche sexuelle Entwicklung sehr wichtig. „Ich kreiere neue, tolle Erfahrungen, die doofe weit übertreffen. Danach habe ich auch dokumentierte Erinnerungen davon, wie herzzerreißend schön und wundervoll Sex sein kann.“  Mehr Probleme als durch ihre Arbeit als Pornoperformerin hatte Zoe, “dass es für Frauen, die ich gedatet habe, schwierig war, dass ich polysexuell und polyamorös bin.”

Zoe Challenger dreht ausschließlich alternative Sexfilme. Das liegt auch daran, dass für sie nur hier die Produktionsbedingungen in jedem Detail stimmen. Auch Safer Sex ist ein Thema. Bei den Pornodrehs von Petra Joy und Goodyn Green ist das eine Selbstverständlichkeit. Penetration läuft nicht ohne Handschuhe oder Kondom, es sei denn echte Paare haben Sex miteinander. Im Mainstreamporno dagegen sind die Gummis Tabu und es ist sowieso weitaus mehr erwünscht: Sperma von Männern auf dem Gesicht von Frauen zum Beispiel. In Großaufnahme. Für Filmemacherin Joy ein Unding. Sie fordert gleiches Recht für Frauen. Doch das weibliche Ejakulation oder sogar Menstruationsblut zu zeigen, das ist bei ihr in England verboten. Das ist diskriminierende Willkür. Warum werden offenbar Unterschiede zwischen den Körperflüssigkeiten von Geschlechtern gemacht? In Deutschland gelten solche speziellen Regelungen im Übrigen nicht.   

Pornografie fordert heraus, stellt Haltung, Vorstellung, Hemmungen, Erziehung und Beziehungen in Frage. Wegen dieser Schlagkraft ist es wichtig, dass der feministische Porno das eingeschränkte Bild von weiblicher Sexualität aufbricht und erweitert. Es wird Zeit, die Lust der Frau als ihre eigene anzuerkennen und zu zeigen. Nicht zuletzt belegen empirische Studien längst, “dass Frauen unserer Kultur Männern in nichts nachstehen, wenn es um das Ausmalen sexuell erregender Situationen und Szenen geht”, schreibt der Sexualforscher Volkmar Sigusch. Porno prägt unseren Blick von Sex, auf uns, auf Gesellschaft so nachhaltig, dass es höchste Zeit ist, dem alternativen Porno mehr ZuschauerInnen zu wünschen.

*Sexpositiver Feminismus ist eine Bewegung, die in den 1980-iger Jahren in den USA als Antwort auf die Versuche einiger antipornografisch orientierter Feministinnen, die Pornografie in den Mittelpunkt feministischer Erklärungsmodelle für die Unterdrückung der Frau stellten.

Headerillustration von Caro Mantke 



Felicia Mutterer
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STRAIGHT Magazine Chefredakteurin Twitter @fraumutterer



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