von Felicia Mutterer

Mikolaj Ciechanowicz lebt in Berlin. Dort arbeitet der 38-Jährige bei der Deutschlandstiftung Integration als Leiter des Stipendienprogramms GEH DEINEN WEG. Seit 2009 ist er Vater, allerdings nur der biologische. Alle Rechte hat der Berliner an die leibliche Mutter und deren Lebenspartnerin abgetreten. Unabhängig der juristischen Situation hat Mikolaj Ciechanowicz ein enges und liebevolles Verhältnis zu seiner Tochter. Mindestens einmal die Woche verbringen Helene und er Zeit miteinander.  

Wie bist Du Vater geworden? Dank meiner Mutter. Sie kam eines Tages zu mir und sagte, dass die Tochter ihres Lebensgefährten einen Vater für ihr Kind sucht.

Und dann hast Du gedacht: Jawohl, ich bin der ideale Vater?! Natürlich nicht. Das war erstmal nur eine Schnapsidee, die sich dann aber in diversen Gesprächen weitergesponnen hat. Wir - die beiden Frauen und ich - haben uns insgesamt ein Jahr lang damit beschäftigt und letztlich entschieden, dass wir gemeinsam eine Familie gründen wollen.

Welche Fragen gab es denn im Vorfeld für Dich zu klären?Erst einmal muss man für sich selbst wissen, ob man als Elternteil durchs Leben gehen möchte. Das wollte ich schon immer, ohne dass ich aber als schwuler Mann aktiv geworden wäre. Als dann diese konkrete Möglichkeit kam, kamen auch die Gedanken. Ich sage immer, man muss wirklich über alle Details, Erwartungen und Probleme offen und ehrlich sprechen und die Dinge klären. Konkret heißt das: Wie oft will man das Kind sehen, welche Rolle, welche Bezeichnung hat man als Elternteil. Ist man der Papa, wird man mit dem Vornamen angesprochen, das müssen Dinge sein, die vorher  besprochen werden, denn daran können sich dann Konflikte entzünden.

Wie nennt Dich denn Deine Tochter? Papa. Und ich sehe mich auch so. Obwohl ich rechtlich nicht der Vater von Helene bin, spüre ich eine ganz starke emotionale Bindung, sicherlich auch aufgrund der biologischen Verwandtschaft, aber selbstverständlich auch wegen der tollen und wunderbaren Zeit, die wir miteinander verbringen, die eine Vater-Tochter-Beziehung ermöglicht hat.

Fühlt sich das manchmal doof an, dass Du nicht in der Geburtsurkunde stehst und damit keine Pflichten aber auch keine Rechte hast? Nein. Das stört mich nicht.  Meine Tochter konnte so adoptiert werden von ihrer Co-Mutter und hat rechtlich zwei Mütter, die das Sorgerecht haben. Wir haben aber zu Dritt informell vereinbart, dass uns wichtig ist, dass das Kind von Anfang an Kontakt zu seinem Vater hat und eine Beziehung entstehen kann. Weil das Wohl des Kindes für uns im Mittelpunkt steht, war für uns klar, dass die Vereinbarung Bestand hat. Bislang gab es noch nie Probleme. In diesem Punkt glaube ich sehr an unsere Familie. Fakt ist: Ich nenne meine Wünsche, aber ich bestimme nichts im Hinblick auf meine Tochter. Das obliegt ihren Müttern, die sich sehr liebevoll und verantwortungsbewusst um sie kümmern. Ich wünsche jedem Kind zwei solche Mütter!

Wie sieht die Vereinbarung konkret aus? Ich sehe Helene zum Beispiel mindestens einmal die Woche. Ich hole sie aus der Kita ab und dann unternehmen wir was, verbringen einen Nachmittag zusammen. Oft essen wir danach mit den beiden Müttern zu Abend. Übrigens entscheidet eigentlich immer Helene, was wir machen. Für mich sind das die schönsten Stunde meiner Woche, wenn ich mit ihr auf den Spielplatz gehen kann.

Wie hat die Samenübergabe funktioniert? Viele können sich gar nicht vorstellen, wie leicht das ist ein Kind zu machen. Wir waren Zuhause, hatten keine ärztliche Unterstützung, hatten uns aber natürlich im Vorfeld überlegt, wann es stattfinden soll. Da gibt es biologische Vorgaben mütterlicherseits (Anmerkung der Redaktion: Bestimmung des Eisprungs). Ich habe dann in einem eigenen Zimmer getan was zu tun war und den Rest haben die beiden Frauen alleine gemacht.

Wie hast Du die Schwangerschaft und Geburt erlebt? Zunächst war der Moment, dass es direkt bei unserem allerersten Versuch geklappt hat mit der Schwangerschaft, sehr überraschend und sehr freudig. In dem Moment wurde mir auch klar: Jetzt wird es Ernst, jetzt gibt es kein zurück. Die Schwangerschaftsphase ist für einen nichtpräsenten Vater dann nicht sonderlich aufregend. Natürlich haben wir uns getroffen, und ich habe den größer werdenden Bauch beobachtet. Als der große Tag dann kam, wurde ich per SMS mitten in der Nacht informiert, dass es losgeht. Meine Tochter hatte ich dann am frühen Morgen in den Händen. Das war einer der wichtigsten und schönsten Momente in meinem Leben. Ab diesem Moment habe ich die enge Verbindung zu meinem Kind gespürt, die inzwischen noch stärker geworden ist.

Wie sind die Reaktionen aus dem Umfeld auf das alternative Familienmodell? Einer meiner Hauptgedanken im Vorfeld war: Tut man einem Kind etwas Schlechtes an, wenn man eine Entscheidung für ein solches Modell trifft? Meine Antwort war nach reiflicher Überlegung ganz klar: NEIN. Das war 2009 und diese Entscheidung hat sich als vollkommen richtig erwiesen. Bis zum heutigen Tage gab es keine einzige negative Reaktion. In meinem privaten Umfeld bin ich durchweg auf positive Rückmeldung gestoßen.

Wie geht Deine Tochter damit um? Helene ist in ihrem Kindergarten voll integriert. Wir als die drei Elternteile ebenfalls.

Für Helene ist unser Modell etwas Selbstverständliches. Das liegt daran, dass sie in einem Umfeld in Berlin aufwächst, wo Vielfalt ganz natürlich dazu gehört. In ihrem Kindergarten, in ihrem Freundeskreis, im Familienumfeld spielt das keine Rolle und wird nicht als etwas Besonderes herausgestellt. Auch ganz bewusst von unserer Seite ihr gegenüber nicht. Wenn sie von ihrer Familie erzählt, sagt sie ganz gerne, dass sie eine Mama, eine Mami und einen Papa hat. Dass wir eine Familie sind aber der Papa nicht Zuhause lebt.

In Großbritannien können drei Elternteile eingetragen werden. Wie findest Du das? Das ist eine Option, die der Lebenswirklichkeit vieler Menschen entspricht. Übrigens käme das nicht ausschließlich homosexuellen Menschen, sondern auch vielen heterosexuellen Familienkonzepten entgegen.

Wäre das für Dich auch eine Option gewesen? Wenn es damals möglich gewesen wäre, hätten wir es wahrscheinlich gemacht. Allerdings habe ich heute nicht das Gefühl, dass wir ein Familienmodell mit Defiziten leben, nur weil die rechtliche Situation so ist wie sie ist. Zumindest für mich persönlich fühlt sich das nicht komisch an.

Wie verfolgst Du die Debatte über die Homoehe?Mich hat das sehr erschreckt, wie intensiv, wie leidenschaftlich, wie feindselig diese Diskussion geführt wird. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass heutzutage seriöse Politiker sich in Fernsehsendungen setzen können und in die Kameras sagen, dass mein Familienmodell minderwertiger sei als ein anderes. Ich finde das eine Unverschämtheit, bin aber optimistisch, dass die Gesellschaft so weit ist, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis gleichgeschlechtliche Partner heiraten können.  

Was wird der Bremsklotz CDU machen - warten auf das Bundesverfassungsgericht? Nicht originell, aber das erwarte ich. Die CDU wird pragmatisch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts abwarten. Ich habe schwule Freunde in der CDU, die durchaus prominent in der Öffentlichkeit auftreten und für eine Öffnung dieser Partei werben. Ich bin  sicher, die wird bald stattfinden.

Würdest Du noch mal Deinen Samen für ein Kind hergeben? Ich bin sehr sehr glücklich über die Entscheidung für meine Tochter, das war eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Grundsätzlich will ich es nicht ausschließen, im Moment bin ich aber sehr gut ausgelastet mit einem sehr süßen Kind.

Fotos Barrikadestudio 

 

 

 



Felicia Mutterer
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STRAIGHT Magazine Chefredakteurin Twitter @fraumutterer



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