von Felicia Mutterer

„Woran erkennt ihr euch denn?“, fragte mich mein Arbeitskollege und Freund, als bekannt wurde, dass die neue Kollegin auch lesbisch ist und mein Dasein als alleinige Quotenhomosexuelle damit endlich ein Ende hatte. Denn was die anderen KollegInnen erst im Nachhinein erfuhren, wusste ich schon seit dem ersten Blick.

Das sofortige Erkennen lag allerdings nicht daran, dass die neue Kollegin etwa jedes Klischee erfüllt hätte: Sie trägt weder einen kurzen Haarschnitt noch hat sie einen rasierten Nacken und sie neigt auch nicht zu maskuliner Kleidung und Naturbelassenheit, das heißt dem konsequenten Verzicht von Make-up und Mascara. Aus diesem Klischeeglauben heraus entstand wahrscheinlich auch die Nachfrage meines Kollegen. Aber trotz mangelnder Klischeeerfüllung war da dennoch etwas an der neuen Kollegin, das mich vermuten ließ, sie sei ebenfalls lesbisch. Und gerade dieses Fehlen war es auch, das mein Interesse weckte. Offensichtlich war mein Gaydar angesprungen, der laut Wikipedia die – vor allem bei Homosexuellen vorkommende – Eigenschaft beschreibt, andere Homosexuelle zu erkennen.

Doch wie funktioniert dieses fiktive ‚Sinnesorgan‘ oder ‚Messinstrument‘, das uns den lesbischen Alltag erleichtert und vor dem ein oder anderen Fettnäpfchen bewahrt? Denn gerade weil es vielen Lesben wichtig ist, den gängigen Klischees nicht zu entsprechen und femininer aufzutreten – weil wir das Frausein und dazu auch noch Frauen lieben –, ist es bedeutsam, darüber Bescheid zu wissen.


Meine Nachforschungen im engeren Freundeskreis ergaben einige eindeutige Kennzeichen, zu denen z.B. die auffallend gepflegten Hände nebst kurzen Fingernägeln zählen. Ob diese nun farblich verziert sind oder nicht, ist hierbei sekundär. Allerdings gehören die Hände nicht zu den ersten Dingen, die ich an einer Frau wahrnehme und es liegt auch durchaus im Bereich des Möglichen, dass auch homosexuelle Frauen ihre Fingernägel länger tragen. Die Hände beantworten die Frage also nicht abschließend. Es muss demnach etwas anderes gewesen sein, das meinen Gaydar im Fall der neuen Kollegin hat anschlagen lassen.

Vermutlich habe ich sie – retrospektiv betrachtet – am Gang erkannt. Auf meine Nachfrage hin, war auch bei ihr mein Gang ausschlaggebend dafür gewesen, dass sie mich als Lesbe enttarnt hatte. Dabei verfügen wir beide nicht über den Gang eines Cowboys, der gerade vom Pferd gestiegen ist. Das habe ich mir selbst noch einmal bestätigen lassen. Jedoch haben Umfragen im lesbischen Freundeskreis ergeben, der Gang ist tatsächlich eines der deutlichsten Merkmale, woran man eine Lesbe erkennt. Was ihn für den Gaydar auffällig macht? Lesben wiegen ihre Hüften weniger und setzen ihre Füße, würde man ihre Fußspuren im Schnee betrachten, nicht so auf, als würden sie versuchen auf einer imaginären Linie zu laufen. Heterosexuelle Frauen dagegen tun dies und drehen deshalb ihre Füße leicht nach innen. Das klingt absurd, aber ich schwöre, dass es tatsächlich so ist.

Ein weiteres Erkennungsmerkmal ist der Blick. Frauen checken sich ab, wenn sie aneinander vorbeilaufen. Da sind heterosexuelle und homosexuelle Frauen gleich. Wenn sie aneinander vorbeigehen, erfolgt immer ein Ganzkörperscreening, das einmal von unten nach oben geht. Bisher also nichts Unübliches. Bei Lesben verweilt der Blick allerdings einige Sekunden länger auf dem Gesicht. Sie sehen einander an und signalisieren, dass sie sich erkannt haben. Der Blick in die Augen zwischen zwei homosexuellen Frauen, der immer ein bis drei Sekunden länger dauert, ist also ebenfalls ein Aspekt, der frauenliebende Frauen untereinander erkennen lässt. Und es ist genau der Blick, der mich immer schmunzeln lässt.


Ebenfalls aufschlussreich ist der Umgang mit Männern. Häufig beobachte ich bei heterosexuellen Frauen, gerade wenn ihnen ein Mann gefällt, ein Kokettieren mit dem Mädchenhaften. Die Stimme erhöht sich um ein oder zwei Oktaven, es wird viel gekichert und dies auch bei Witzen, die wirklich, wirklich nicht lustig sind. Dies passiert bei homosexuellen Frauen nicht. Witze, die überhaupt nicht witzig sind, würden diesen, wenn überhaupt, nur ein gequältes Lächeln abringen. Ebenso erhöhen homosexuelle Frauen, z.B. beim Flirten, ihre Stimmlage nicht und verfallen selten in ein Kichern. Das liegt vielleicht daran, dass mädchenhaftes Kokettieren homosexuelle Frauen nicht anspricht, sondern auch hier wieder eher das Frausein punktet. Wobei mir natürlich schon klar ist: nicht alle heterosexuellen Frauen können über einen Kamm geschoren werden. Ausatmen also.

Endgültig enttarnend sind die persönlichen Gespräche. Weitet sich nach einer Zeit des Kennenlernens die kollegiale Kommunikation auch auf das Privatleben aus, dann ist die differenzierte Verwendung des Begriffes „Freundin“ aufschlussreich und bestätigend. Unterhält man sich also z.B. über die Aktivitäten des vergangenen Wochenendes, dann sagt jede heterosexuelle Frau, dass sie z.B. mit ihrer Freundin shoppen war. Das ist unter homosexuellen Frauen anders, denn meine Freundin hat hier eben eine ganz andere Bedeutung. Wir gehen hier etwas differenzierter vor. Wenn wir nicht von der Partnerin sprechen, die natürlich eine Sonderstellung einnimmt und daher durch die Verwendung des Possessivpronomens mein gekennzeichnet wird, ist eher die Rede von einer Freundin. Es ist tatsächlich auffällig und ich erwische mich ebenfalls gelegentlich dabei, dass ich diese Differenzierung fast schon unbewusst vornehme, sie aber in Gesprächen mit heterosexuellen Frauen so nicht erlebe.

Es sind also mindestens der enttarnende Gang sowie das dreisekündige Verweilen des Blickes auf den Augen der anderen, die den Ausschlag des Gaydars initiieren und ihn im grammatikalischen Feintuning seinen Höhepunkt finden lassen. Und auch diesmal habe ich wieder an mir feststellen müssen, dass die Phase des Erkennens spannend ist, wenn man eine anfängliche Ahnung hat. Wenn diese Ahnung dann zur Tatsache wird, ist der Triumph umso größer.

Im Fall meiner neuen Kollegin liegt der größte Gewinn natürlich auch darin, dass ich nun nicht mehr die Einzige am Arbeitsplatz bin. Jetzt habe ich eine Verbündete, die gewisse Sachen nachvollziehen kann, die weiß, wie es ist, wenn man Frauen liebt und die Tagesform dann eben manchmal so ist, wie sie ist. Die Tagesform erkennen wir mittlerweile übrigens auch auf den ersten Blick.

Text Tessa Weiß 

 



Felicia Mutterer
Felicia Mutterer

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STRAIGHT Magazine Chefredakteurin Twitter @fraumutterer



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