von Felicia Mutterer

Loslassen. Lieben. Leben.

Carol ist ein stilles, unnischiges und stilvolles, ja, schönes Werk über die Liebe zweier Frauen in den 1950er-Jahren in New York. Damals galt Homosexualität offiziell als Krankheit.

 

 

Worum geht es?

Carol, gespielt von Cate Blanchett, Ehefrau und Mutter, lebt in Trennung von Harge (Kyle Chandler, passt perfekt in die Rolle des Mannes in den 50igern). Bei einem Weihnachtseinkauf für ihre Tochter lernt sie die junge wie hübsche Verkäuferin Therese (Rooney Mara, sie kennen wir sonst anders aus "Verblendung)  kennen.  Bereits bei dieser ersten Begegnung knistert es zwischen den beiden Frauen. Es bleibt nicht bei dieser einmaligen Zufallsbegegnung im Kaufhaus und die Liebe zwischen den Carol und Therese beginnt zögerlich, aus heutiger Sicht fast schon sperrig, leise an zu wachsen. Cate Blanchett über das Verhältnis ihrer Figur Carol zu Therese: " Weder Carol noch Therese sind imstande, ihren Gefühlen oder ihrer Beziehungen Ausdruck zu verleihen, so wie es heute getan wird, ebensowenig wie ihre Hoffnungen und Erwartungen in dieser Hinsicht. Deshalb waren beide wohl auch überfordert von der Intensität ihrer aufkeimenden Gefühle zueinander."  Trotz diverser Probleme und dem Willen zur Kontrolle kommen sich die beiden auf einer Reise auch körperlich näher, Cate Blanchett beschreibt es so: "Wenn man sich wirklich in jemanden verliebt, dann riskiert man, die Kontrolle darüber zu verlieren. Und das ist gerade der Kick daran."

Was kommt an?

Die Überforderung ist zu sehen, der Kontrollverlust bleibt dagegen vage.  Die Liebe wächst ohne Schubser. Das Küssen wirkt angestrengt, der Sexakt bleibt blass. Die Leidenschaft fehlt. Körperlichkeit zwischen den beiden Frauen scheint eher ein Muss als ein epochaler Liebesakt, dem sie sich nicht erwehren können und wollen. Dialoge im Bett, die zum Ohren zu halten sind, deswegen für mich nicht mehr zu zitieren sind, leisten ihr übriges. Die Verknüpfung von Therese und der Tochter von Carol - Carol nennt Therese und Tochter "Engel" -, außerdem sieht Therese aus wie die Tochter - gibt der Story einen Touch, der irgendwie schmerzt und irritiert.  Eine Mutter-Tochter-Beziehung mit dem Näherkommen zweier Frauen zu verbinden, warum muss das sein?! Ein Film, in dem viel auf schön und kitsch getrimmt ist, ist das definitiv ein Minuspunkt.

Und: Es bleiben Fragen . Dazu zählen sicherlich: Wer ist Therese, wer ist Carol? Die beiden Frauen bekommen wir in dem Film nur als Fassaden serviert, die gehemmt und starr wirken. Wie viele Gesichtsausdrücke kann Therese?  Überhaupt verweilt mir der Film kritisch betrachtet in zu vielen Andeutungen, es fehlt das Gas. Dem Film gelingt es daher nur stellenweise zu berühren. Das Übergeben von Therese nachdem sie von Carol verlassen wurde zählt dazu, das Ende des Films kickt ebenfalls und schafft weitere Fragen: Wie geht es mit den beiden Frauen weiter? Für mehr Tiefe und Verständnis empfiehlt es sicherlich das Buch CAROL zu lesen, auf dessen autobiographischer Geschichte der Autorin Patricia Highsmith der Film basiert, aber den Film auf jeden Fall schauen, denn CAROL ist es wert.

Trotz der Mäkelei:

Es ist fantastisch, dass ein Film mit frauenliebender Thematik produziert wurde, im Kino gezeigt, viel besprochen und eventuell vielfach bepreist wird. Stichwort Sichtbarkeit! Applaus zudem für das Durchhaltevermögen der MacherInnen, die jahrelang für den Film gekämpft haben. Durch das Unaufdringliche ist CAROL auch für ahnungslose Menschen in Sachen Identitätsfindung verkostbar. Was sicherlich der Film transportiert und im Kontext zur Zeit damals als starkes Plädoyer zu bewerten ist: Loslassen. Lieben. Leben.

Regie führte Todd Haynes (DEM HIMMEL SO FERN, I`M NOT THERE), die Geschichte basiert auf dem Erfolgsroman von Patricia Highsmith, der 1952 erstmals unter dem Titel „Salz und sein Preis“ erschienen ist und nun wieder als CAROL erhältlich ist.



Felicia Mutterer
Felicia Mutterer

Autor

STRAIGHT Magazine Chefredakteurin Twitter @fraumutterer



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