von Felicia Mutterer

Wrestling, Musik, Gender-Diskurs - das bringt nur eine Frau zusammen: Peaches. Die kanadische Musikerin tourt derzeit mit ihrem neuen Album “Rub” durch die Welt. Beim L-BEACH vom 21. bis 24. April ist sie am Weissenhäuser Strand zu sehen.  

Sechs Jahre Pause. Warum hast du dir für deine neues Album "Rub" so lange Zeit gelassen? 

Seit 2000 habe ich insgesamt vier Alben produziert und bin nach jedem Album für zwei Jahre auf Tour gegangen. Obwohl das ein großartiger Job ist, brauchte ich eine kleine Pause, um Abstand zu gewinnen. Ich fühlte mich nicht danach wieder was Neues zu produzieren und wieder für zwei weitere Jahre zu touren. Es war an der Zeit mich neuen, spannenden Projekten zu widmen. In den vergangenen Jahren lag mein Fokus daher auf Projekten wie meiner One-Woman-Show „Peaches Christ Superstar“ und meiner Electro-Rock-Oper „Peaches Does Herself“. Sie halfen mir dabei, meinen Kopf frei zu bekommen. Nachdem sie erfolgreich abgeschlossen waren, fühlte ich mich wieder bereit, neue Songs zu schreiben.

Dein neues Album „Rub“ vereint Deinen ganz persönlichen, unverkennbaren Sound mit einer ordentlichen Portion Trap und Bass Musik. Hat Dich Los Angeles, die Stadt in die es Dich zu Beginn des Jahres verschlagen hat, musikalisch beeinflusst?
Ich war schon immer sehr an Trap und Bass Musik Sounds interessiert, mir gefällt das Minimalistische daran. Mittlerweile ist die Technologie soweit vorangeschritten, dass ich meine Ideen genau nach meinen Vorstellungen umsetzen kann. Ich bin in der Lage genau die Beats zu produzieren, die mir vorschweben. Los Angeles hat dabei musikalisch keinen Einfluss genommen. Meine Songs spiegeln die Gedanken in meinem Kopf wieder, frei von den Orten an denen Sie entstanden sind.

Wie gehst du an die Produktion eines neuen Albums heran, welchen Schreibprozess verfolgst Du?
Für dieses Album bin ich direkt ins Studio gegangen. Ich wollte mich dem kreativen Entstehungsprozess hingeben ohne bereits im Vorfeld an Ideen für Songs gearbeitet zu haben. Also verbrachten mein langjähriger Freund, Vice Cooler, und ich jeden Tag bis zu zehn Stunden in meinem Studio in Los Angeles. Wir produzierten neue Beats, ich schrieb parallel an neuen Texten. An einigen Tagen haben wir vier verschiedene Beats kreiert, um am Ende unseren Favoriten zu wählen. Dieser wurde dann im Anschluss detailliert ausgearbeitet. Auf diese Art und Weise konnten wir Verschiedenes ausprobieren und schauen, was uns am besten gefällt.

Das heißt du schreibst zuerst die Musik und schaust im Anschluss wie Du deine Texte integrierst?
In der Regel schreibe ich die Texte sobald der Song steht und integriere sie dann, richtig. Zu diesem Zeitpunkt des Songwritings weiß ich bereits, in welche Richtung es geht. Während des Schreibens der Musik wird oft wieder Einiges verworfen und neu geschrieben. Der Gedanke, erst einen Text zu schreiben und dann die Musik um die Texte herum anzupassen gefällt mir nicht.

Was genau gefällt dir daran nicht?
Es fühlt sich für mich nicht so musikalisch an. Aus musikalischer Hinsicht muss ich erst die Beats und den Song schreiben, um dann im Anschluss zu schauen wie die Texte am besten mit der Musik harmonieren.

In deinem neuen Song "Close Up" arbeitest du mit Kim Gordon von Sonic Youth zusammen. Wie kam es dazu?
Der Grund, warum ich sie für den Song gewählt habe, ist die damit verbundene Entwicklung des Songs. In Sonic Youths Song „Kool Thing“ ist Chuck D als Kim Gordons besonderes Merkmal zu hören. In „Close Up“ betrachte ich Kim Gordon als mein besonderes Merkmal, als meinen Chuck D.

Du sagt deine Musikvideos sind Kurzfilme. Ist es Dir wichtig eine Geschichte zu erzählen?
Traditionell dienten Musikvideos immer dazu, einen Song zu vermarkten und zu verkaufen. Heutzutage stehen sie für sich selbst, sie sind ein neuer Weg zu visualisieren und auszudrücken, was sich in den Texten verbirgt. Ich genieße es, Videos in diesem Kontext zu produzieren. Dieses Konzept verfolge ich seit meinem ersten Album, für das ich sieben Super 8 Filme gedreht habe. Für „I Feel Cream“ habe ich zu jedem einzelnen Song ein Video gedreht, aber ich hatte zu dem Zeitpunkt eine Plattenfirma. Und obwohl ich fast alle Videos selbst finanziert habe, gehörten der Plattenfirma die Rechte an den Songs. So fühlte es sich letztlich nicht vollständig nach meinem Eigenen an. Diesmal ist es wirklich aufregend, denn ich habe mein eigenes Label namens “I U She Music” gegründet. Nun gehören alle Rechte mir und ich kann meine Videos nach belieben einsetzen, unabhängig von einer Plattenfirma.

 

Auf Deinem aktuellen Artwork wirkst Du sehr kämpferisch, aber auch etwas mitgenommen. Du greifst Dir in die Haare, Deine Augen zieren tiefschwarze Ringe, Dein Gesicht ist etwas verschmiert. Was hat es damit auf sich?
Ich mochte die Tatsache, dass ich roh, kämpferisch wirke. Daria Marchik, meine Fotografin hat das Foto geschossen. Sie entwarf das Artwork und hatte die Idee mit den zwei weiteren Mündern. Es gefällt mir sehr gut.

Wofür genau stehen die insgesamt drei Münder?
Sie stehen dafür, dass niemand in der Lage ist, mich jemals zum Schweigen zu bringen.

Das begrüßen Deine Fans. Darunter viele Frauen, die dem Feminismus sehr nahe stehen. Wie siehst Du Deinen Einfluss auf die feministische Szene?
Das zu beurteilen überlasse ich lieber Anderen. Ich kann sagen, dass Annie Sprinkle zum Beispiel mich und die feministische Szene sehr beeinflusst hat, ebenso wie  Yoko Ono. Über mich selbst zu sagen, ich hätte dieses und jenes in der feministischen Szene beeinflusst, fällt mir schwer. Das fühlt sich komisch an.

In unserer aktuellen STRAIGHT-Titelgeschichte sprechen wir über Pornografie. Kannst du Pornos etwas abgewinnen? Was meinst du ist der Mehrwert von Pornografie?
Ich bin mir nicht sicher, um ehrlich zu sein. Ich schaue nicht viele Pornos. Ich denke, einigen Menschen helfen Pornos, sie brauchen sie. Ansonsten würden sie vielleicht schlimme Dinge tun.

Wie stehst Du zum feministischen Porno?
Ich bin ein großer Fan von Jiz Lee (Anm.d.Red.: US-amerikanischer, queer-gender Pornodarsteller). Sie produziert queeren Porno, und ich denke, das ist sehr wichtig. Ebenso schätze ich Courtney Troubles (Anm.d.Red.: US-amerikanische Pornodarstellerin- und regisseurin) Arbeit sehr. Sie überwältigt zudem mit ihrer unbeschreiblich positiven Attitüde.

In deinem neuen Buch „What Else Is In The Teaches Of Peaches“ bist Du zusammen mit Annie Sprinkle plus Partnerin in ihrer Badewanne zu sehen. Hast Du jemals darüber nachgedacht, selber feministischen Porno zu produzieren, oder vielleicht ein Teil davon zu sein?
Es entspricht nicht unbedingt meinem Stil, aber mein neues Video zu „Rub“ steht in diesem Kontext als Statement für sich selbst. In Zusammenarbeit mit A.L. Steiner (Chicks On Speed) und Lex Vaughn (Shortbus) lud ich 40 Frauen in die Wüste ein. Die Gruppe setzt sich aus Performerinnen und queeren Pornodarstellerinnen wie zum Beispiel Courtney Trouble und Danni Daniels zusammen. Die New Yorker Künstlerin Narcissister ist ebenfalls Teil des Videos. Einen Porno zu drehen war nicht unsere Intention. Uns ging es in erster Linie um den Punkt selbstbestimmt, nackt und frei sein zu können, sich miteinander zu vergnügen, weil alle Protagonistinnen dafür offen sind - ohne ihnen vorzuschreiben, pornografisch zu agieren. Sie durften sich berühren, ohne sich dabei zu küssen. Wir wollten vermeiden ständig küssende Frauen vor der Kamera zu filmen. Das erschien uns zu durchschnittlich, wir wollten uns abheben von der Masse. Durch die Tatsache, dass an der Produktion, vor- und hinter der Kamera, ausschließlich Frauen beteiligt waren, entstand eine sehr kraftvolle Energie am Set. Für mich persönlich sehr viel kraftvoller und ausdrucksstärker als Porno.

Unsere STRAIGHT-Leserin Sandra hat eine Frage an dich. Sie ist ein großer Fan von dir. Sie möchte von Dir wissen, welche der Todsünden Dir am nächsten steht? Dazu gehören Hochmut, Geiz, Neid, Zorn, Wolllust, Völlerei und Trägheit.
Das ist nicht leicht zu beantworten. Auf jeden Fall Wollust, und wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, dann ist es sicherlich auch Hochmut.

Interview: Nina Götting Fotos: Daria Marchik



Felicia Mutterer
Felicia Mutterer

Autor

STRAIGHT Magazine Chefredakteurin Twitter @fraumutterer



Schreiben Sie einen Kommentar


Vollständigen Artikel anzeigen

Ist das deine Mutter?
Ist das deine Mutter?

von Felicia Mutterer

Was ist eigentlich CSD?
Was ist eigentlich CSD?

von Felicia Mutterer

Gesucht und gefunden: Weltverbesserinnen!
Gesucht und gefunden: Weltverbesserinnen!

von STRAIGHT Redaktion