von STRAIGHT Redaktion

18.37 Uhr. Das langersehnte Ende eines stressigen Arbeitstages. Was tust du? Gehst du a) nach Hause, um dich von deiner verständigen Partnerin bekochen zu lassen, b) nach Hause, um mit niemandem mehr reden zu müssen, auch mit deiner Freundin nicht, c) zum Sport, um dich so richtig auszupowern, oder d) mit den Kumpels in die Stammkneipe, um deinen Frust in Bier zu ertränken?

Unsere Bedürfnisse, zum Beispiel in Stresssituationen, sind so unterschiedlich wie wir selbst und betreffen dabei nicht nur uns, sondern auch unsere Partnerin. Wenn wir also nach Hause kommen und sie tatsächlich unsere Lieblingspasta kocht – prima. Was aber, wenn sie sauer ist, weil wir ausgehen wollen? Oder selbst unterwegs ist, obwohl wir uns einen gemütlichen Abend zu zweit ausgemalt hatten? Wie auch immer wir uns entscheiden: Die Feierabendsituation ist nur ein Beispiel dafür, dass Freiräume in PartnerInnenschaften eine zentrale und alltägliche Rolle spielen.

Caro* weiß inzwischen genau wie sich ihre ‚Zeit für sich’ anfühlen soll: „Alleine zu Hause auf der Couch liegen während meine Freundin unterwegs ist und diese Zeit alleine genießen.“ Die 31-Jährige ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in Berlin und seit vier Jahren in einer Beziehung. Ihre Freundin Dorothea pendelt nach Hannover und Rostock. Weil Beruf und Familie der Beziehung bereits viel Freiraum verordnen, ist das selten ein Konfliktthema. Anders als in Caros erster Beziehung. „Wir wollten alles gemeinsam machen, jeden Moment zusammen erleben.“ Caro erinnert sich an gemeinsame Urlaube, Musical-Besuche und Sportevents. „Meine damalige Freundin kam irgendwann auch regelmäßig mit zu meinem Fußballtraining und wurde sogar Teil des Teams. Nach und nach haben sich all meine eigenen Bereiche aufgelöst. Ich hatte das Gefühl meinen Freiraum und damit auch mich selbst zu verlieren.“

Dass es häufig zu Konflikten kommt, wenn sich eine Person einen bestimmten Freiraum unabgesprochen nimmt oder sich in ihrem persönlichen Freiraum eingeschränkt fühlt – so wie Caro – kann die Psychotherapeutin Miriam Junge bestätigen. „Die Paare, die zu mir in die Paartherapie kommen, haben entweder sehr viele ähnliche Anteile oder aber eine Person ist in einem Merkmal extrem ausgeprägt und der Partner keinerlei Verständnis dafür hat“, erklärt Junge. Keine Beziehung lässt sich dabei nach einem bestimmten Modell klassifizieren, vielmehr gebe es Akzentuierungen in verschiedene Richtungen. Wie so oft sind es die Extreme, die zu Problemen führen können. „Bei zu viel Freiraum kann es sein, dass man sich auseinanderlebt. Bei zu viel Symbiose dagegen geht es in die Richtung Mutter-Kind-Beziehung, also in eine Abhängigkeit, die nicht gesund ist und bei der man nicht mehr ohne den anderen auskommt. Oder aber es liegt ein Ungleichgewicht der Bedürfnisse vor.“ Mit einem Ungleichgewicht hat Caro nun nicht mehr zu kämpfen, im Gegenteil: Auch ihre Freundin Dorothea schätzt es, ohne schlechtes Gewissen mit Kollegen mal etwas trinken zu gehen.

Wie unterschiedlich Freiräume und auch das Ich-Sein-Dürfen wahrgenommen werden zeigt das Beispiel von Maja und Sophie. Die Tübingerinnen genießen gerade die Tatsache dass sie ihre Hobbies zusammen ausleben können. „Fußball, auf Konzerte gehen, lesen – das machen wir beide gern, sodass wir das an den Wochenenden gemeinsam machen können“, erzählt Maja. Seit sechs Jahren sind die Journalistin und die Assistenzärztin ein Paar. Auch bei ihnen sorgen die arbeitsintensiven Berufe dafür, dass sie viel Zeit ohne die Partnerin verbringen. Aber persönliche Freiräume haben für Maja ohnehin eine andere Qualität: „Ich beziehe das weniger auf Zeit zu meiner Verfügung, sondern eher auf Entscheidungen, Mobilität und darauf, mich persönlich weiterzuentwickeln. Es bedeutet für mich, nicht die Frau von vor fünf Jahren zu bleiben, sondern mich verändern zu dürfen, ohne das Gefühl zu bekommen, jemand möchte mich konservieren.“ Nicht derselben Meinung sein müssen, streiten dürfen, sie selbst und dabei auch mal unbequem sein dürfen – diese Freiheiten sind Maja wichtig.

Doch manchmal ist es gar nicht so leicht, für die eigenen Bedürfnisse einzustehen und diejenigen der Partnerin anzunehmen. Ein unlösbares Problem?

Nein, eine Frage der Kommunikation und der gegenseitigen Wertschätzung. „Wichtig ist, mit Ichbotschaften zu arbeiten. Also nicht zu sagen: ‚Du engst mich ein.’, sondern ‚Ich brauche ein bisschen mehr Zeit für mich, weil...’. Man sollte ein Statement formulieren, keinen Vorwurf“, erklärt Miriam Junge. Ob die Probleme als klärendes Gewitter oder häppchenweise in der konkreten Situation zur Sprache kommen, ist erst einmal nebensächlich.

Die Musikstudentin Johanna aus Berlin weiß, dass sie sich damit manchmal schwertut. Sei es, wenn ihre Freundin Sarah nach einem langen Arbeitstag Zeit für sich einfordert, oder wenn sie selbst einmal Raum für sich braucht. „Manchmal habe ich deswegen schlechte Laune und reagiere kühl oder genervt“, gibt die 26-Jährige zu. „Mittlerweile errät meine Partnerin schnell, was los ist und was mich bedrückt. Das passiert bei uns oft: Erst wollen wir mit unserem Ärger und unserer Wut allein sein, bis eine den ersten Schritt macht. Dann sprechen wir darüber, meistens sehr sachlich, oder schreiben uns Briefe. Manchmal wirkt es dann so banal, dass wir darüber lachen müssen.“ Normal, denn auch Kommunikation ist ein Lernprozess. „Da geht es um Wiederholung und die Bereitwilligkeit, dem anderen klarzumachen, dass es keine Zurückweisung ist, wenn man Zeit für sich braucht“, so Paartherapeutin Junge. „Gut laufende Beziehungen können sich in allen Bereichen relativ flexibel bewegen, die Dinge beim Namen nennen und offen kommunizieren.“

Aber auch in puncto Mitteilungsbedürfnis gibt es ein Zuviel des Guten. So muss Caro, die Hochschulangestellte aus Berlin, zugeben: „Ich erwische mich immer wieder selber dabei, wie ich die Grenzen aufweiche, wie ich meinen Freiraum nicht klar abgrenze und wie ich vieles mit ihr teilen will.“ Diese durchlässigen Grenzen kennt auch Therapeutin Junge. Sowohl von hetero- als auch von homosexuellen Paaren hört sie häufig, dass der Partner oder die Partnerin gleichzeitig der oder die beste Freund oder Freundin seien. Eine schöne Vorstellung. Eigentlich, denn Junges Meinung nach sollte die Trennung der beiden Rollen unbedingt gewahrt werden. „Passiert das nicht, kann es problematisch werden, weil eigene Freiräume nicht beachtet werden. Gerade unter Frauen wird sehr, sehr viel geredet. Aber ich sollte meiner Freundin zum Beispiel nicht unbedingt sagen, wenn ich jemanden attraktiv fand. So etwas gehört in ein Gespräch mit der besten Freundin.“

Freiräume gewähren, sich eigene Räume schaffen, Kommunikation, Abgrenzung – das sind laut Miriam Junge die zentralen Themen in der Paartherapie. Aber wie viel Freiheit ist nun eigentlich „gesund“, ist weniger mehr oder mehr mehr? Auch hier gibt es keine allgemeingültige Antwort. Zumal sich unsere Bedürfnisse stetig verändern: Das jugendliche In-den-Tag-hinein-Leben weicht irgendwann einer längerfristigen Planung mit Beruf, Beziehung und Familie, bevor es in der Midlife-Crisis häufig noch einmal zu einer Neuorientierung kommt. Maja, die Journalistin aus Tübingen, hat solche Veränderungen bei sich schon bemerkt: „In meinen frühen 20ern dachte ich, ich sei eher freiheitsliebend, und fand die Vorstellung zusammenzuziehen den absoluten Horror“, so die 30-Jährige. „Mit der großen Liebe schien sich das aber wie in Luft aufzulösen.“ Aber selbst Jahreszeiten und beziehungsimmanente Dynamiken bestimmen, wie viel Nähe wir brauchen: Winters sind wir eher kuschelbedürftig, sommers eher unternehmungslustig, einige wachsen erst mit der Zeit eng zusammen, andere starten beinahe symbiotisch in eine Partnerschaft und finden mit der Zeit zu sich selbst zurück. Die Berliner Musikerin Johanna erinnertsich,      dass sie am Anfang jede Sekunde mit Sarah verbringen wollte. „Aber auf Dauer kann das nicht funktionieren, da jeder irgendwann wieder sein Leben und seinen Alltag weiterleben muss und sollte. Da wir allerdings beide trotz unserer Eigenständigkeit auf uns fokussiert sind und unglaublich aneinander hängen, ist das eine gute Balance.“

Allerdings muss man sich bei so viel „Zeit für mich” und „Zeit für dich” im Umkehrschluss auch einmal nach der „Zeit für uns” fragen. Maja und Sophie finden diese Zeit in gemeinsamen Hobbys, aber auch durch Strukturen im vollen Berufsalltag. „Wir versuchen, zumindest gemeinsam zu essen, was zwar nicht immer klappt, aber solche Rituale sind uns wichtig“, erzählt Maja. Rituale haben auch Johanna und Sarah in ihrer Beziehung eingeführt. Damit es nicht zu Konflikten kommt, haben die Berlinerinnen das Wochenende als ihre gemeinsame Zeit definiert. „Jede ist selbst dafür verantwortlich, dass sie ihre Arbeit und Verpflichtungen unter der Woche erledigt“, erzählt Johanna. „Wir brauchen beide viel Freiraum, da wir beide eigentlich eher Einzelgänger sind. Ich bin allerdings dann oft diejenige, die darauf hinweist, dass wir lange keine Zeit nur für uns verbracht haben.“
Merke: Die Mischung macht’s. Zusammen ist man weniger allein, aber manchmal ist man allein auch mehr zusammen. Es ist immer noch 18:37 Uhr. Ruf sie doch einfach erst mal an.

 

*Alle Namen außer Miriam Junge von der Redaktion geändert.

Text Theresa Schmidt Foto Mona Schulzek



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